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 Ich entscheide, nicht das Heim

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gisela
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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Fr 29 Jun 2018, 13:06    © gisela
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liebe Aggi
ich hoffe sehr, dass deine Mama sich wirklich nichts getan hat beim aus dem bett kullern.
daumendrueck daumendrueck






    lieben gruß

                           gisela                        

Der beste Weg, einen Freund zu haben, ist der, selbst einer zu sein.


Ralph Waldo Emerson, US-amerik. Philosoph, 1803 – 1882
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Belle
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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Fr 29 Jun 2018, 22:52    © Belle
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Aggi schrieb:
Das sind so Momente, wo es schwer ist. Momente. Wenn ich dieser tiefen Traurigkeit begegne. So viele haben mir schon gesagt, es ist nicht schön, alt zu werden. Es ist nicht der Satz, es ist die Trauer, die dahinter mit schwingt.
 
Ich denke immer öfter darüber nach, ob ich nach Mutti die Kraft habe, weiter Gutes für diese Menschen zu tun. Viel kann ich ja nicht, aber ein bißchen aufmuntern und ein, zwei Handgriffe …

Liebe Aggi,


das Leiden und Traurig sein ist ein Teil unseres Lebens, aber das sollte es dann auch bleiben. EIN TEIL. Es darf nicht überhand gewinnen, denn das Leben hat mehr zu bieten, auch wenn der Focus oft vermehrt auf dieses unliebsame Traurigkeitsgefühl fällt. Es ist einfacher dieses zuzulassen, Selbstzweifel aufkommen zu lassen und zu grübeln, wo man selbst einen Fehler für irgendetwas finden kann, als in die Sonne zu blinzeln um zu sagen "Mein Leben ist schön". 
Aber gerade du darfst keine Zweifel haben. Von Liebe getrieben, kennst du keine Aufopferung sondern nur Geben und Lieben. Bewundernswerte liebevolle Disziplin verschönt deiner Mama jeden einzelnen Morgen und gibt ihr somit die nötige Energie den Tag positiv und geliebt zu beginnen. Ich bin sicher, dass es viele in ihrem Heim gibt, die sie darum beneiden, dass sie von ihrer Tochter so liebevoll umsorgt wird. Unbewußt getrieben von diesem Wunsch nach ebensolcher Gesellschaft aus der eigenen Familie, suchen sie dann das Gespräch mit dir. Um sich Gehör zu verschaffen und weil sie es einfach anbringen müssen, dass es ihnen selbst eben nicht so gut geht. Und sie schieben es dann auf das Alter. Doch alt werden ist nicht das schreckliche, eher das alt sein. Aber ab welchem Zeitpunkt ist das Alter da?? Ich persönlich denke, dann, wenn die Negativen Gefühle überhandnehmen und das Hinterfragen zum Leidenswert wird. Wenn das Selbstmitleid beginnt und der Neid auf diejenigen die es gottseidank besser haben zu groß wird. So denke ich mir das. Schade, aber es sind so unzählige Schicksale die sich im Laufe des älter werdens selbst kreieren, keines ist jemals vollendet. Ausser vielleicht im Tod, aber vielleicht auch nicht.
Dein bißchen Aufmuntern, wie du selbst es nennst, ist eine besondere Gabe, die nur sehr wenigen Menschen zuteil ist. Du liebe Aggi, hast sie. Und vorallem setzt du sie auch ein. Etwas, das du tagtäglich gibst, manchmal merkst du es auch garnicht. Darüber nach zu denken brauchst du nicht. Du bist so und dankenswerter Weise, gibt es in deinem Umfeld viele Personen denen deine Art und Weise mit ihnen umzugehen ein Geschenk der Menschlichkeit ist, die leider immer mehr in den Hinergrund der Gesellschaft gedrängt wird. In dir, Aggi ist sie ersichtlich und in jedem Moment zugegen. Etwas, das nicht zu erlernen ist. Eine Gabe, ein Charakterzug, vorallem aber ein großes Herz. Das hast du alles.
Und das Aggimutti aus dem Bett gekugelt ist, das ist passiert, aber nicht weil du irgendetwas nicht bedacht hast. Ich hoffe sie  hat sich nicht weh getan und ist guter Dinge, damit sie deinen Motor wieder zum Laufen und dich zum Lächeln bringt. Das wünsche ich mir für euch beide.
Alles Liebe für euch  winke-winke
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Aggi
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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Sa 30 Jun 2018, 05:21    © Aggi
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Liebe Gisela und liebe Belle,

Danke fürs Daumendrücken und fürs Mitgefühl - und nein, es scheint ihr wirklich nichts passiert zu sein! cheers

Neben Muttis aus-dem-Bett-kullern hab ich selbst jetzt schon die schöne Rolle über den Rasen gemacht - nix passiert, nur das Traurige: Keiner hat gesehen, wie geschickt ich mich beim Fallen abgerollt hab ... komisch, aber wär ich gegen eine Wand gelaufen, DAS hätten bestimmt alle mitbekommen. Rolling Eyes   Und dann ist unser bester Vermieter von allen unterm Gerüst gestürzt und hat jetzt ein kaputtes Knie und den rechten Arm voll blauer Flecken. Aber dieser alte Haudegen lässt sich ja von nix und niemand von der Arbeit abhalten: "Die Handwerker fangen doch erst an zu arbeiten, wenn ich eigentlich schon wieder müde werde!" Laughing

Müssen wir also alle nochmal Nachhilfe bei Mutti nehmen, wie man "anständig" kullert... Wink 

LG,
Aggi



++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

20180629 Freitagmorgen:
 
Zehn vor acht im Heim steht bei Mutti wieder die Tür weit offen, ist aber keiner mehr da, die Wäsche schon durch. Mutti liegt entspannt im Bett und meint, ob ich meinen Weg durch das Dunkel der Nacht gefunden hätte. Ich strahle und mein, ich zieh erstmal die Jalousien runter (die Sonne knallt und scheint Mutti von der einen Seite direkt ins Gesicht). Bin gespannt, ob Mutti sich an ihren „Sturz“ erinnert und als ich den Rollator zu ihr ans Bett ziehe, meint sie gleich von sich aus, sie sei aus dem Bett gefallen. Lächelt aber dabei und bestätigt, ihr sei sonst nichts passiert. Erzählt sogar ganz ausführlich, etwas kauderwelschig, als wäre sie gegangen und gesessen, was bei ihr ja ausgeschlossen ist, aber das es dann wohl wie in Zeitlupe war und sie ja gar nicht tief fallen konnte. War mehr so ein „erstaunlich“ – „wie das?“. Und es wäre dann ja prompt die Schwester bei ihr gewesen. Mutti wusste nicht, ob sie überhaupt gerufen hat oder nicht. Aber die Schwester hätte sie wohl 60 mal gefragt, ob alles gut ist und – Mutti strahlt von einem Ohr zum andern – sie in einer Tour „Liebelein“ genannt. DAS hat Mutti gefallen. Sie wiederholt das Wort: „Liebelein!“ – So schön! I love you
 
Ich schlag ganz gemütlich vor, das Bettgitter so schräg hochzustellen: „Dann kannst Du Dich auch gleich besser festhalten, wenn Du Dich umdrehst!“ (Da greift Mutti sonst immer nach der Matratze, die natürlich nachgibt.) Mutti meint, das sei nicht nötig, da extra was ans Bett zu bauen. Aber da kann ich ihr zeigen, dass das schon alles am Bett dran ist: „Guck mal, ist nur ein Handgriff.“ Und zieh das Bettgitter nur am Kopfende hoch. Das ist dann für Mutti in Ordnung.
 
Zum Frühstück holen wundert sie sich mal wieder, das ich das mache. Meine ich, Du, die Schwestern verlassen sich ja schon auf mich und da fällt ihr ein, dass die Schwestern morgens auch öfters zu ihr sagen, ob die Aggi denn auch gleich kommt?! Also darf ich ihr Tablett holen und krieg heute sogar eine Beförderung: Der Tablettwagen ist noch im großen Speisesaal, aber schon fertig und ich darf ihn ins Dienstzimmer schieben. *gg* Komme ich mir sogar richtig wichtig vor! Cool
 
Bei Mutti dann wieder umpacken auf ihren roten Teller und nochmal kleiner schneiden, heute sind die Stücken zu groß. Mutti liegt schon entspannt mit einer Hand lässig am schrägen Bettgitter, stell ich innerlich lächelnd fest – sie mag also dieses kleine bißchen mehr an Halt.
 
Zum Frühstück erzähle ich Mutti von meiner Begegnung mit der lieben, kleinen Dame gestern und wie traurig ich nachher war, während ich sie eigentlich aufgemuntert hatte. Und Mutti versteht auf Anhieb, was ich meine! Das sehe ich in ihrer Mimik und in der Art, wie sie gleich „Doch, das versteh ich!“ sagt. Diese Art von Anteilnahme und Mitgefühl, sie geht nicht verloren, trotz Demenz. Sie wird nur schwerer zu erkennen.
 
Und nach dem Frühstück, als ich das Bett und das Kopfteil wieder runtergefahren habe, legt Mutti gleich ganz lässig ihre Hand auf den Gitterholm an ihrer rechten Seite. Es stört sie nicht, hat eher was von der Handstütze, die vorher gefehlt hat. Ich erinner Mutti daran, wie sich mein Mann auf ihrem Geburtstag auch so ein Bett gewünscht hat. Mutti muß lachen. „Und guck, jetzt weißt Du auch warum. Er würde zwei solche Betten nebeneinander stellen, das Gitter hochziehen, damit ich ihm nicht mehr den Platz im Bett klauen kann!“ (Unser Dauerbrenner-Witz, dass mein Mann im Bett immer nur maximal 20 Zentimeter Platz hat, weil ich so viel Raum für mich beanspruche – Mutti fängt jedesmal an zu Lachen!). Auch jetzt ist sie wieder entzückt und ich weiß für mich, sie hat das Bettgitter so halbschräg akzeptiert, nichts dagegen!
 
Also unter einem Vorwand noch weiter zu den Schwestern, um das mit dem Bettgitter zu besprechen. Um neun Uhr morgens immer mit Warten verbunden. Eher hab ich ein schlechtes Gewissen, grad jetzt zu stören, aber ich will wissen, ob ich evt. heut noch weiter zum Arzt fahren muss, ob der das nun bescheinigt oder wie das nun geht. Ist ja das Eine, was Mutti will und ich auch für richtig halte und das andere, was drei meiner Geschwister davon halten… also die drei, die sich nicht kümmern, keine Ahnung aber immer eine Meinung haben…
 
Letztendlich kann ich mit Sr. An. über Sr. K. (Sr. An.: „Ich frag mal Sr. K., die kennt sich besser aus.“) klären, dass ein schräges Bettgitter hier im Haus keiner Genehmigung bedarf. Sollte das Gitter später mal ganz hochgezogen werden sollen, müsse ich das dann unterschreiben.
 
Und während ich im Flur warte, kommt noch eben Sr. S. vorbei und teilt mir mit, dass sie heute wegen der roten Teller für die anderen Dementen mit der Pflegedienstleiterin sprechen will. Ich kann ihr nochmal bestätigen, wie gut das bei Mutti funktioniert. Es sei denn, das Essen ist mal Ton-in-Ton mit der Tellerfarbe, neulich bei der Himbeermarmelade gingen einige Stücken etwas unter, weil sie farbgleich waren. Sr. S. hat noch den Packen Teller in der Hand, den ich ihr geschenkt hatte.
 
Ich nochmal zu Mutti, mich gemütlich verabschieden. Mutti geht es gut, besser geht es nicht. Und als ich dann aus dem Haus gehe, geht vorm Haus eine mir fremde Dame mit Rollator auf mich zu: „Entschuldigung, können Sie mir mal helfen?“ – Sie weiß nicht, wo sie hingehört. Also gehe ich mit ihr die paar Schritte zurück zum Heim, wo sich gleich eine Schwester findet, die die Dame kennt und mir zuflüstert, sie sei erst seit gestern da. Die Dame darf bei drei anderen Bewohnerinnen mit Platz nehmen und ich biete ihr noch ein Glas Wasser an, worüber sie sich sehr freut. Sehr dement, aber eine sehr klare, deutliche Stimme und Sprache! Und dann bei meinem zweiten Versuch zu gehen winkt mir noch Sr. S. zu, sie kann die Teller bestellen, d.h., auch die anderen Dementen bekommen jetzt rotes Geschirr! Very Happy






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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Sa 30 Jun 2018, 21:11    © Belle
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Servus Aggi winke-winke  Da hast du gleich einige Erfolge im Pflegedienstalltag zu verbuchen. Ich verneige mich vor deiner Kompetenz nickend 
Wagerl ins Dienstzimmergestellt (offensichtlich ohne Zwischenfälle), die roten Teller in Umlauf gebracht (großartige Idee) und das Gitter als Sicherheit für deine Mutti, so ganz nebenbei ohne viel Aufhebens durchgesetzt. Bravo! Wenn du jetzt auch noch deinem Mann weitere 20cm Platz im Bette einräumst, dann schlagen wir dich hier für eine Auszeichnung vor. Von mir gibts heute kein Foto für dich, aber eine Rose rose 

Alles Liebe, Belle
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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
So 01 Jul 2018, 05:43    © Aggi
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Belle schrieb:
Wenn du jetzt auch noch deinem Mann weitere 20cm Platz im Bette einräumst, dann schlagen wir dich hier für eine Auszeichnung vor.

lachen lachen lachen

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

20180630 Samstagmorgen:

Kurz vor acht im Heim liegt Mutti relativ matt im Bett, aber auf mein Nachfragen versichert sie mir nochmals, dass sie bei ihrem „Sturz“ keinen Schaden erlitten hat. Ich frag auch mal wegen einem kleinen blauen Fleck auf ihrer Hand – diese Flecken hat sie öfter, ich hab gestern schon nicht vermutet, dass der mit dem „Unfall“ zu tun hat und Mutti meint auch gleich, nein, daher kommt das nicht.

Das Bettgitter auf der rechten Seite ist unten. Das stelle ich so „nebenbei“ wieder hoch. Dauert wohl noch, bis sich die Schwestern jetzt daran gewöhnt haben, nachdem ich vor Monaten so energisch dagegen war. Vielleicht reich ich das doch noch schriftlich ein?

Sie ist eher (wie immer) erstaunt, dass schon wieder eine Woche um ist. Sich die einzelnen Wochentage merken geht schon lange nicht mehr, aber jeden Morgen sage ich ihr das Tagesdatum und den Wochentag an. Oft, wie heute auch, reisst Mutti dann die Augen weit auf: „Ach, Samstag schon wieder?!“ Woher soll sie auch noch einen Rhythmus spüren, so tagein tagaus im Bett?!

Aber ich plauder mit ihr über die Fortschritte, die die Handwerker bei uns machen und wie gut es ist, dass bis einschliesslich Dienstag erstmal strahlend Sonnenschein vorhergesagt ist. Dann fragt Mutti mich unvermittelt, ob ich schon lange da bin und ich sag ganz normal, Du, grad man vielleicht zehn Minuten. Ich komm doch immer morgens um diese Zeit, so kurz vor acht. Oder hattest Du schon anderen Besuch? Das verneint Mutti und muss lachen, wo ich sag, wer steht aufm Samstag auch schon so früh auf, nicht wahr?!  Laughing

Zum Frühstück steht heut Morgen noch eine Schale roter Wackelpudding dabei. Aber Mutti schafft heute nicht mal alle Stücken Brot. Ist sichtlich müde und möchte nicht mehr. Den Wackelpudding auch nicht. Auch das Trinken fällt ihr schwer – insofern, als sie den Becher in der Hand vergisst. Aber so nach und nach trinkt sie mit meinen Anregungen dann doch noch ein paar Schluck.

Am Ende frage ich mal wieder nach, ob ich ihr eine Geschichte vorlesen darf, aber kaum ausgesprochen verzieht Mutti gleich das Gesicht und ich sag sofort, alles gut, kein Thema. Mutti meint noch, sich entschuldigen oder erklären zu müssen. Sie sagt wirklich nicht gerne Nein…  Crying or Very sad  Aber ich kann ihr wie so oft versichern, dass ich doch schliesslich frage, um zu wissen, was SIE will. Da hellt sich ihr Gesicht am Ende auch wieder auf.  Smile Ich betone bei ihr - ihr gegenüber - fast täglich, dass es IHR Zimmer ist, hier hast DU das Sagen! Erste Reaktion von ihr ist eigentlich immer ein skeptischer Blick - aber das war schon immer so, auch, als sie noch bei sich in ihrem eigenen Haus war. Wenn man sein Leben lang "gedeckelt" wurde, geht das nur schwer aus den Knochen, aber ich gebe nicht auf.

Und als wir dann noch Händchen halten, meint sie von sich aus, ich soll meinen Mann noch lieb grüßen. Und ich auf mich achten. Diese kleinen Sätze, sie bedeuten inzwischen so viel! I love you






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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Mo 02 Jul 2018, 04:02    © Belle
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Aggi schrieb:
 Zum Frühstück steht heut Morgen noch eine Schale roter Wackelpudding dabei. 
Ist sichtlich müde und möchte nicht mehr. Den Wackelpudding auch nicht.

Ds hab ich jetzt schon einige Male gelesen. Wackelpudding zum Frühstück??? Da bin ich voll bei Aggimutti, das würde ich auch nicht wollen!! nein-nein 
Ganz egal in welcher Farbe.....
Gottseidank nimmt deine Mutti die kleine Gittererhöhung an, als Sicherheit, um nicht wieder den Fußboden ungewollt zu erkunden. 
Und was wurde eigentlich aus dem Sternekissen?Verbannt aus allen Betten?

Mir gehts da ähnlich wie deiner Mutti, denn ich stelle fest, schon wieder ein Wochenende vorbei. Pffff.
Ich wünsche euch einen angenehmen Start in die neue Woche, machts gut! winke-winke
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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Mo 02 Jul 2018, 06:36    © Aggi
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Liebe Belle,

Belle schrieb:
Ds hab ich jetzt schon einige Male gelesen. Wackelpudding zum Frühstück??? Da bin ich voll bei Aggimutti, das würde ich auch nicht wollen!! nein-nein 
Ganz egal in welcher Farbe.....

Laughing ... Jo. Ein schlauer Mensch hat mal festgestellt, dass alte Menschen zu wenig trinken und Speisen wie Wackelpudding Flüssigkeitsdefizite kompensieren ... also gehört Wackelpudding im Heim dazu wie das Amen in der Kirche ...  Rolling Eyes


Belle schrieb:
Und was wurde eigentlich aus dem Sternekissen?Verbannt aus allen Betten?

*gg* Längst "verschenkt" ... wobei ich grinsen muss, denn die Beschenkte ist klüger als die Polizei erlaubt und hat mir im Umkehrzug Geld geschickt, damit ich davon Mutti ein schönes Präsent machen kann ... Embarassed ... und bis JETZT ist mir noch nix Gutes eingefallen, weil Muttis Geburtstagsblumen noch prall auf dem Wohnzimmertisch stehen und sie sonst ja nix will ... also ein kniffeliges, spannendes Schachspiel für mich! Aber auch diesen Schachzug krieg ich noch hin - versprochen! bounce

Dir, Deinem Sohn und Deiner Mama einen schönen Wochenstart!
Aggi

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

20180701 Sonntagmorgen:

Zehn vor acht am Heim steht draußen meine gute Seele Elisabeth am Rauchen. Irgendwie haben wir uns die letzten Tage kaum gesehen und ich sag, ich hätte schon Entzugserscheinungen. Elisabeth grinst, meckert aber erstmal, weil es keinen Rhythmus bei der morgendlichen Wäsche bei ihrem Mann gibt. Mal zu früh, mal zu spät, das ärgert sie total. Aber noch mehr geärgert haben sie gestern einige andere Bewohner, die sich wohl zu sehr über „meinen Freund“ empören. Jo, er krakeelt schon mal rum und lästert auch, aber er kann doch nichts dafür. Ihr geht die Art gegen den Strich, WIE die andern dann teilweise über ihn lästern. Hätte gestern schwer an sich halten müssen, nicht mal wem Bescheid zu sagen. – Ich kann das gut verstehen. Zwar weiß ich nicht genau, wer sonst noch alles dazu gehört, aber leider auch die gute Frau H., bei der mir selbst schon aufgefallen war, dass sie auch sehr abfällig mit und über die Reinigungskräfte redet. Alles wären es ihre persönlichen „Neger“ – und von daher nicht wert, auch ein nettes Wort zu hören… Leider war ich damals so sprachlos, dass ich erstmal verstummt war… Und „mein Freund“ ist nun mal dement, dafür kann er ja nichts. Ob sich nun einer einen Arm gebrochen hat oder dement ist, krank ist krank und ihn deshalb wegsperren geht ja mal gar nicht. Elisabeth: „Wir sitzen hier doch alle im selben Boot. Da muss man doch miteinander klar kommen!“

Nein, gefallen tut mir so was auch nicht. Aber erstmal muss ich weiter zu Mutti, was Elisabeth auch versteht und lieb grüßen lässt.

Und Mutti lacht richtig, als ich die Grüße ausrichte und fragt, ob Elisabeth wohl extra auf mich wartet? Aber nee, Mutti, sie ist Raucher und das geht ja nur draußen.

Beim Reinkommen in Muttis Zimmer steht ihr Bett mal wieder oben, aber das 2.Bettgitter ist auch schräg hochgestellt. Aber die Höhe finde ich trotzdem noch gefährlich, über das schräge Gitter könnte Mutti ja auch noch rollen, von daher stelle ich das Bett beim Gehen dann doch wieder ganz nach unten. So viel Zeit muss sein.

Mutti ist ganz erstaunt, dass heute Sonntag ist. Aber sie ist gutgelaunt und lauscht meinen Plaudereien. Als ich dann das Frühstück holen will, ist sie aber überzeugt, dass sie schon gefrühstückt hat. Ich sag, ich geh mal nachsehn, ob ich noch eine Tasse Kaffee finde und das ist dann in Ordnung.

Mit Muttis Frühstückstablett zurück ist das dann auch in Ordnung, aber Mutti schafft heute knapp etwas über eine halbe Scheibe. Ich kann schon sehen, dass sie satt ist und Mutti meint, sie hatte ja schliesslich schon einmal Frühstück heut früh.

Da widerspreche ich natürlich auch nicht. Satt ist satt, egal, wovon. Und müde ist Mutti auch. Schnauft auch ganz schön. Der Husten ist auch noch da, aber in einer milden Version. Ich hoffe, er löst sich bald in Wohlgefallen auf.

Mutti ist kurz vorm Einschlafen, aber ich darf ihr noch die Haare kämmen und hänge dann noch wieder Nachthemden auf Bügel. Da bin ich froh, dass ich noch so einige Ersatzbügel im Schrank deponiert hab, denn die, auf denen die Hemden immer hängen, sind immer weg. So finden unsere ausrangierten Kleiderbügel gute Verwendung!

Beim Verabschieden hält sich Mutti wieder so angenehm am 2.Bettgitter, es ist nicht zu übersehen, dass es eine praktische Stütze für sie ist. Sie dreht sich noch weiter auf die rechte Seite und auch beim Umdrehen ist der Holm sehr hilfreich. Ich Dussel hätte da auch schon früher drauf kommen können, aber das ist wohl wie mit dem Staubmopp, dessen Nutzen ich erst mit Anfang 50 für mich entdeckt hab.

Darüber hab ich mich heut mit Mutti beim Frühstück unterhalten und sie zum Lachen gebracht. Sie hatte immer einen, eigentlich zwei Mopps im Haus, ich kenn die Dinger ja von klein auf. Aber wie nützlich die wirklich sind, hab ich erst begriffen, als wir hier her zogen und ich anfing, bei Mutti auszuhelfen. Erst da hab ich mir selber einen gekauft. Mutti lacht so schön und freut sich, dass ich von ihr lerne! „Nicht wahr, Mutti? Lieber spät als nie!“ Laughing






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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Mo 02 Jul 2018, 09:32    © kamia
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Zitat :
Wackelpudding Flüssigkeitsdefizite kompensieren

und ist sehr hilfreich bei Schluckstörungen, reduziert Hustenanfälle durch verschlucken, beim Trinken
Zitat :
Ich Dussel hätte da auch schon früher drauf kommen können
nö, vieles erkennt man erst durch hinschauen......austesten, immer wieder hinterfragen.

Ich bin sicher, DAS tust DU







Liebe Grüße
Karin




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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Mo 02 Jul 2018, 20:17    © Belle
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Aggi schrieb:
 ... Jo. Ein schlauer Mensch hat mal festgestellt, dass alte Menschen zu wenig trinken und Speisen wie Wackelpudding Flüssigkeitsdefizite kompensieren ... also gehört Wackelpudding im Heim dazu wie das Amen in der Kirche ...  Rolling Eyes

Das ist tatsächlich sehr schlau. Ich dachte immer nur an den bösen Zucker und von daher pfui pfui. Aber wie ich immer wieder erfahre "Man lernt nie aus!" Geniale Idee!
Danke fürs idee
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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Di 03 Jul 2018, 05:58    © Aggi
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Liebe Karin,

kamia schrieb:
Zitat :
Ich Dussel hätte da auch schon früher drauf kommen können
nö, vieles erkennt man erst durch hinschauen......austesten, immer wieder hinterfragen.

Ich bin sicher, DAS tust DU

Du tust gut! rose

LG,
Aggi

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20180702 Montagmorgen:

Zehn vor acht im Heim winkt mir meine gute Seele Elisabeth im Flur schon entgegen und flüstert, ich soll mit rauskommen. Ich nicke und flüster zurück: „Und warum flüstern wir???“ ^^

Jo, wieder wer, über den sich Elisabeth aufregt und braucht ja nicht jeder alles mitbekommen. Und bei Mutti sei eh noch Sr. Da. zugange, ob ich einen Moment Zeit hab? Dann fragt sie mich richtig zaghaft, ob ich heute einkaufen fahre und wenn nicht, soll ich aber sagen! Richtig kleinlaut, am liebsten würde ich sie in den Arm nehmen, aber es reicht auch, dass ich eh einkaufen muss, kein Problem. Sie sorgt sich wieder um ihren Mann, ihr gehen die Getränke-Ideen aus. Jetzt die Cola hat ihm zum Schluss auch nicht mehr geschmeckt und Essen und Trinken ist bei ihm ja ungefähr die einzige Abwechslung, die er noch hat. Sie wirkt richtig verzweifelt, die Gute!

Und auf ständig Blumen für die andern kaufen hat sie auch keine Lust mehr, wo die alle an allem nur noch rummeckern … so!  bounce  Aber ich soll Mutti lieb grüßen.  I love you

Weiter zu Mutti ist bei ihr die Wäsche schon durch. Das Bett steht ganz unten, aber das 2.Bettgitter ist nicht schräg hoch. Also doch mal mit den Schwestern reden. Das schriftlich zu machen wollte ich doch nicht. Miteinander reden!

Mutti wirkt erschöpft. Erster Montag im Monat, also war auch Haare waschen dran, das ist anstrengend für sie. Aber sie freut sich, mich zu sehen. Auch, weil ich erstmal die Jalousien runter mache und die Sonne nicht mehr blendet. Dafür sind die beiden anderen Übergardinen noch vor, die also weg, weil auf der Seite keine Sonne steht.

Auf meine Frage meint sie, ihr Sonntag war gut, aber die Nächte seien schon lang… Das ist nach ihren Aussagen mal so und mal so. Ein andermal meint sie auch, sie schläft gut. In meinem Kopf ratter ich kurz die Möglichkeiten durch, ob ihr eine pflanzliche Ein- oder Durchschlafhilfe was bringen könnte, verwerfe den Gedanken aber fürs Erste.

Klöne erstmal gemütlich mit Mutti, die sich gerne von mir „berieseln“ lässt. Zum Frühstück ist dann eine Scheibe Brot auf dem Tablett, heute mal mit-ohne Pudding. Und heute schafft Mutti ihr ganzes Brot, ist danach aber auch wirklich kurz vorm Einschlafen. Zum Trinken reicht schon nicht mehr das Auffordern mit Worten, da sagt sie gerne „Oh ja“ und vergisst den Becher in der Hand. Ich berühre dann immer zart ihre Hand, dann erinnert sie sich wieder an den Becher.

Und heute ist dann „unsere“ La. aus ihrem Urlaub zurück. Mutti freut sich auch, dass sehe ich an ihrem strahlenden Lächeln.

Am Ende noch ins Dorf, die Einkäufe erledigen. Für Elisabeth finde ich eine Auswahl an kleinen Flaschen Schorle mit verschiedenen Geschmacksrichtungen und dergl mehr. Und Elisabeth ist dann glücklich, so kann ihr Mann viele Sorten ausprobieren. Vitamalz oder Eistee z.B. wären gar nicht sein Geschmack, das hatten wir schon besprochen. Aber man wird unterwegs ja immer findiger!

Als das erledigt ist noch schnell zu den Schwestern, die zum Glück noch im Dienstzimmer beieinander sitzen. Samt Pflegedienstleiterin. Da kann ich dann offiziell darum bitten, dass das 2. Bettgitter ab jetzt schräg hochgestellt bleibt – mit Muttis Einverständnis (erklärbärt undCo.). Hoffentlich geht das jetzt dauerhaft in den Speicher von allen Schwestern, die bei Mutti rein- und raushuschen. Sr. D. als Pflegefachkraft sass ja auch dabei, soll wohl schief gehen.

Least nochmal zu Mutti, die tief am schlafen ist, mit einem Auge offen. Und wie immer sagt sie gleich, nein, sie hat nicht geschlafen! *gg* Das kennt auch mein Kl.Bruder. Zu ihr ins Zimmer kommen, sie sogar schnarchen hören, aber nein, sie hat nicht geschlafen! Wir lieben diese Eigenart an ihr! I love you

Noch ein bißchen schön klönen und dann nachhause, muss Mutti morgen ja berichten, was die Handwerker heute bei uns angestellt haben.






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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Di 03 Jul 2018, 14:29    © Aggi
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20180703 Dienstagmorgen:
 
Zehn vor acht im Heim steht bei Mutti die Tür leicht offen, aber die Wäsche ist schon durch. Mutti liegt gemütlich auf der Seite und begrüßt mich auch mit „Klopf! Klopf!“. ^^
 
Erstmal klönen wir in aller Ruhe. Ich kann ihr erzählen, dass ich gestern „einen Trecker geschoben“ hab – natürlich weit ausgeholt und ausgeschmückt, aber Tatsache! Mutti lacht so schön und dahinter steckt ja eigentlich die Geschichte, dass wir Biker-Besuch hatten, dessen Motorrad dann vom Trecker unseres Vermieters blockiert war. Um aus der Garage wieder rauszukommen und weil der Trecker nicht ansprang, mussten wir dann halt zu viert schieben. Und das geht, wenn der Trecker nicht zu groß ist!
 
Für Mutti spicke ich die Geschichte mit Erinnerungen an unseren alten Nachbarn im Heimatort und seinen Trecker, auf dem wir Kinder mitfahren durften. An diese Zeit erinnert sich Mutti gerne! I love you
 
Als ich dann wegen Frühstück frage, wehrt Mutti ab, weil ja schon Mittag ist. Auch das erst kurz nach acht am Morgen ist, ändert nichts dran, aber es ist für sie in Ordnung, dass ich „mal gucken“ gehe, ob ich noch was finde.
 
Auf dem Flur begegne ich dann Elisabeth und kann gleich nochmal prahlen, wo ich doch einen Trecker geschoben hab und Elisabeth lacht übers ganze Gesicht: „Ach darum! Du kamst mir gleich ein ganzes Stück breiter vor!“ (Elisabeth deutet so eine Mucki-Bruder-Geste an und wir kichern gemeinsam.) Elisabeth lässt Mutti noch guten Appetit wünschen und ich geh wieder zu Mutti.
 
Zum Frühstück hole ich das Geburtstagsgesteck von Elisabeth auf Muttis Tabletttisch, mal Blumen giessen. Ich fühle schon jeden Tag, ob’s schon Not tut und heute ist Giessen dran. Mutti meint, während sie isst, Elisabeth hätte aber ganz schön viel Geld ausgegeben für so ein großes Geschenk! Mein ich zu ihr, das täte Elisabeth aber weiß Gott nicht für jeden! Da huscht so ein süßes Lächeln über Muttis Gesicht.
 
Auch das kleine weiße Deko-Täubchen auf dem Gesteck kann Mutti erkennen. Das gefällt ihr!
 
Mutti schafft den ganzen Teller Brot (eine Scheibe), mit dem Trinken wird es im Moment „schwierig“, als wäre sie kaum noch durstig. Aber wir haben ja Zeit und nach und nach trinkt sie doch so einige Schlucke. Ist alles aber auch sehr ermüdend für sie, das ist nicht zu übersehen.
 
Als ich den Tisch abgeräumt habe (immer mit viel Abwarten und am Ende vorher nochmal nachfragen) und Mutti sich gemütlich eingemummelt hat, hole ich nochmal unser Buch aus der Schublade. Diesmal sag ich Mutti, ich hätte neulich schon den Titel der nächsten Geschichte gelesen und sei so neugierig. Ob sie nochmal eine Geschichte hören mag? – Und Mutti mag!
 
Also heute „Das Iglu im Garten“. Ein bißchen hab ich erst „Angst“, Mutti ist zu müde, aber sie geht doch gleich mit. Mit Schmunzeln und „Aha.“ oder „Ach nee.“, Blicken zu mir, einem Lächeln oder einer Handbewegung sehe ich, sie ist ganz in der Geschichte und dabei. Es gefällt ihr! Wie schon öfter schicke ich beim Lesen ein Stoßgebet an Ulrike Strätling, die Autorin dieses Buches. Es ist Gold wert! Für den Moment entführt es Mutti und mich in eine spannende Geschichte, nicht zu leicht, nicht zu schwer … einfach nur schön und mal was anderes! Und an alle Foris hier, ohne die ich so manchen Tipp ja gar nicht erhalten hätte!!! rose
 
Und zum Abschied zu sehen, wie Mutti sich extra nochmal kurz umdreht, um mir lächelnd zu zuwinken – unbezahlbar!






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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Mi 04 Jul 2018, 16:10    © Aggi
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20180704 Mittwochmorgen:

Was für ein Tag im Pflegeheim – jetzt zuhaus um elf am Laptop für diesen Tagebucheintrag fühle ich mich … müde … am liebsten direkt ins Bett …  Crying or Very sad

Es fing damit an, dass ich kurz vor acht am Heim draußen vor der Tür nicht nur meine gute Seele Elisabeth stehen sah, sondern bei ihr auch die Pflegedienstleiterin, noch in zivil. Beide unterhielten sich ernst, was nichts Gutes bedeutet. Als ich dazutrat, las ich es auch nochmal in ihren Gesichtern und die PDL wandte sich dann auch mit diesem verlegenen Lächeln an mich, dass Herr H. gestern verstorben ist. War ihr an die Nieren gegangen, das war nicht zu übersehen. Für mich erklärte sie noch, wer das war: Für mich der liebe Mann im elektrischen Rollstuhl, der mir jeden Tag von einem Fenster aus zu winkte und mit dem ich mich manchmal draußen kurz unterhalten hab. Er war sehr kurzatmig und ich wusste von ihm, dass er Krebs hat. Die letzten Tage war er nicht am Fenster, wenn ich ging … da war ich schon ins Grübeln gekommen …

Als die PDL dann reingegangen war, erzählte ich Elisabeth, wie ich ihn auch schon mal die Straße runter an der Pferdekoppel gesehen hab und mich für ihn freute. Da waren einige Pferde mit zwei Füllen und Elisabeth bestätigte, das hätte er geliebt!

Grad Anfang der Woche bzw. Sonntagnacht war Frau F. verstorben… als ich da heut früh stand, wurde ich richtig traurig.

Als ich dann reinging, habe ich mich auch nicht gewundert, dass noch keine Wäsche bei Mutti war. Kein Thema. Erstmal habe ich mich zusammengerissen und mich mit kleinen Handgriffen und Geplauder mit Mutti wieder in Spur bringen können. Mutti hatte heut früh ihre Zähne nicht im Mund und war dankbar, als ich das Putzen und Bringen schon mal übernahm. Auch die Augentropfen und die Magentablette und das Haarekämmen. Grad mit allem fertig mit steten Erzählungen vom Vortag: „Mutti, gestern haben wir doch wirklich Bier mit den Handwerkern getrunken!“ ^^ kam dann auch Sr. E. und freute sich, dass schon ein paar Handgriffe fertig waren.

Ich blieb dann mit am Bett beim Waschen und Umziehen, kleine Handgriffe sind ja nie verkehrt bei einem bettlägrigen Bewohner und ich hab Mutti abgelenkt mit einer Fortsetzung der Erzählungen von unserem Bau: „Stell Dir vor, unter dem 2. Dachboden, der gestern abgedeckt wurde, kam doch tatsächlich im hintersten Winkel ein altes, eisernes Bügeleisen zutage. Noch so eins mit Eisenstück, dass ins Kohlefeuer kommt, glühend erhitzt wird und dann ins Bügeleisen gelegt wird, um zu Bügeln!“ Mutti strahlte, na klar kennt sie diese „alten Eisen“ noch!

Und dann war auch das Waschen und Umziehen überstanden (für Mutti anstrengend und nicht grad angenehm, auch wenn sie sagt, es gibt Schlimmeres, aber selbst das „einfache“ Drehen von rechts nach links kostet sie Kraft, die sie kaum noch hat). Aber Sr. E. war selten fachgerecht und lieb zugleich, die richtige Mischung aus patent und fürsorglich und hatte auch eine Geschichte beizutragen: „Kennt ihr den 11 Uhr Schluck?“ Mutti nickte, ich schüttelte den Kopf. Das war früher auf dem Bau der „Schluck und Bier“, der um elf Uhr einfach sein musste, bevor weiter gemauert wurde. Klar, Schluck und Bier! Mutti musste grinsen! Das gabs in meinem Heimatort ja ungefähr schon zur Geburt, das gehörte zum täglich Brot wie das „täglich“ bei Brot - *gg* - oder so.

Nach den Handwerkergeschichten gab es dann witzigerweise das passende „Maurer“-Frühstück für Mutti: Ein dicker Teller voll mit Aufschnitt-Stücken und Käsebrot, ich dachte noch, viel zu viel, aber bis auf vier Happen hat Mutti doch alles geschafft und sogar noch vier Teelöffel Obstquark! Und den Becher Kaffee bis auf den letzten Tropfen, aber Hallo!

Beim Frühstück konnte ich dann die lieben Grüße vom Kl.Bruder ausrichten, der gestern wie immer prompt auf meine Mail an alle Geschwister reagiert hatte. Und hab Mutti etwas ausholend: „Weisst Du noch?...“ erzählen können, dass es mit dem Hausverkauf jetzt klappt und diese Sorge ein für alle Mal erledigt ist. Keine Spur von Traurigkeit, Bedauern, Wehmut oder Melancholie bei Mutti. Sie hörte mir ganz normal zu und meinte nickend am Ende: „Ach, wenn wir Dich nicht hätten!“

Ehrlich, ich schwöre, ich hab es nicht so erzählt, als hätte ich da nu wer weiß wie toll was getan. Nur erzählt, wie es war, mehr so von der Betreuerin und so. Aber DAS Kompliment hat mal gut getan!

Dann kommt unsere La. zum Saubermachen und bleibt wie so oft extra bei Mutti am Bett stehen und fragt, wie es uns geht. Mutti lächelt, wenn sie merkt, La. ist da und freut sich über diese kurzen Klönschnacks. La. verschwindet dann erstmal im Bad, dort sauber machen und auf einmal steht sie wieder bei uns, sie hätte einmal ein Frage: „Warum hast Du keine Bilder von Deinen Kindern bei Dir hängen? Bei den anderen Bewohnern sind die Wände immer voller Bilderrahmen, warum hast Du keine bei Dir hängen? Es wären doch bestimmt schöne Erinnerungen?!“ La. strahlt über das ganze Gesicht und ich dolmetsche Mutti erstmal. Es dauert etwas, bis die Frage zu ihr durchgedrungen ist, aber dann meint Mutti ganz deutlich: „Ist nicht jedermanns Sache.“ Und lächelt.

Für La. dolmetsche ich dann, dass wir das Thema schon besprochen hatten und Mutti tatsächlich keine Fotos an den Wänden haben WILL. Früher hatte sie in ihrem Haus ja überall die Bilder der Kinder und Kindeskinder etc. hängen. Aber als ihre Augen immer schlechter wurden, mit Grünem und Grauem Star und Mutti nachher nur noch im Schlafzimmer lag, wollte sie die Bilder auch dort schon nicht mehr hängen haben. Ich hätte schon welche auf Din-A-4 für sie ausgedruckt, die seien auch hier bei ihr im Schrank, die könne man bei Bedarf hervor holen. Und dann grinse ich Mutti an und sag, ist ja aber blöd im Bett, auf den Fotos verfolgen einen doch immer die Augen… Nicht wahr, Mutti, da kann man ja nicht mal in Ruhe in der Nase bohren, wenn Oma zuguckt! – Und Mutti lacht so schön! Jo, sie stimmt mir zu. Und La. versteht, was wir meinen. Aber lieb, dass sie mal nachfragte. Das Mutti so schlecht sehen kann, hatte La. wohl wieder vergessen - man sieht es ja nicht.

Als La. dann gegangen ist, meine ich so zu Mutti, was nützen die schönsten Fotos, wenn man sie nicht im Herzen hat. „Genau!“ meint Mutti. Und die Art, wie sie mich anlächelt, sagt mir, sie ist da ganz auf meiner eigenen Linie. Und hat heute mal wieder gezeigt, dass sie durchaus noch eine eigene Meinung hat. Sie weiß immer noch, was sie will. Und dazu gehört, bitte keine Fotos aufhängen. Und so soll es dann auch sein!

Als Mutti dann mit Essen fertig war und wieder gemütlich eingemummelt, war es inzwischen auch zehn nach neun geworden und Mutti recht schläfrig. Also bin ich dann noch in die Stadt, Elisabeth hatte früh auch noch gefragt, ob ich evt. … in der Dämmerstimmung um die traurige Nachricht um Herrn H. hatte ich erstmals Mühe, mir auswendig zu merken, was ich mitbringen soll, aber das ist unter den Umständen wohl normal.

Als ich also aus dem Haus gehe, sitzt vorne, noch draußen im Eingangsbereich, Irmgard in ihrem Rollstuhl in der Sonne. Ich hocke mich zu ihr und wir klönen erst schön. Sie lädt mich nochmal zu ihrem Geburtstag ein, hat wohl vergessen, dass sie mich schon eingeladen hat. Wir lachen und scherzen, alles ganz harmonisch, als sie auf „meinen Freund“ zu sprechen kommt. Und kein gutes Haar an ihm lässt. Den blinden R. hätte er schon zweimal geschlagen, bloss weil der eine Glatze hat und ihr würde er immer unterstellen, sie sei eine Diebin, die alles stiebitzt. Da würde sich doch sein wahres Wesen zeigen, sein böser Charakter.

Elisabeth hatte mich so gesehen schon vorgewarnt, aber so recht hatte ich es wohl nicht glauben wollen. Aber da wurde ich geflutet von einem Fass an Vorurteilen, die in meiner Welt an Rassismus und Diskriminierung heissen. Bei mir macht immer der Ton die Musik und der, den Irmgard da anschlug, gefiel mir vom ersten Takt an gar nicht.

Trotzdem gab ich mir alle erdenkliche Mühe und sprach mit ihr. Ob sie das nicht kenne von Gehirnverletzungen, wenn Menschen nach Unfällen auf einmal ganz anders sind als vorher. Und das können Krankheiten aus Menschen machen, aber die Menschen können nichts dafür.

Nein, Irmgard wollte es nicht gelten lassen. Sie hätte schon so viele Demenzkranke kennengelernt, die alle – kurzgesagt – lieb und friedlich seien. Aber „mein Freund“ würde das alles absichtlich machen. In dem Moment deutete sie – sehr arrogant – mit ihrem Zeigefinger hinter sich Richtung Zimmerfenster vom Zimmer „meines Freundes“. War mir nicht aufgefallen, aber jetzt hörte ich ihn von dort „Weinen“. Irmgard meinte zynisch, er würde eine Show abziehen, alles mit Absicht. Da fing meine Galle schon an zu kochen, weil diese Geräusche keine Show waren. Mir fiel sofort ein, wie oft mir „mein Freund“ schon gesagt hat, er müsse so viel Weinen…

Ich habe einige Register gezogen, das Gespräch ging etwas länger, um Verständnis geworben, wie man bei einem Menschen mit einem Armbruch ja auch versteht etc. p.p. – In dem Moment kam „mein Freund“ von drinnen wieder raus nach draußen, war vermutlich zum Klo, und er macht beim Gehen immer laute Schnaufgeräusche, für die er nun WIRKLICH nichts kann. Irmgard zeigte wieder mit dem Zeigefinger in seine Richtung und meinte auch dazu, DA, das macht er mit Absicht.

Ich hab sie noch gefragt, und was machst Du? Da meinte sie, sie sei ja sowieso die Böse, die Diebin, aber sie würde nur feststellen, was ist. Sich vor allen Dingen nicht irren. Das sie vielleicht das Echo erlebt, das sie ihm selber vorgibt, nein, ausgeschlossen, er ist der Böse und sie die Gute!

Click! – hat es in meinem Kopf nur gemacht, das Geräusch hör ich nicht oft, aber ich kenne es schon mein Leben lang und Click! passiert, wenn ich mich von was trenne.

Ich ging wieder in die Knie, berührte Irmgards Bein: „Hiermit widerrufe ich die Teilnahme an Deinem Geburtstag.“ Steh auf und will gehen. Muss es für sie nochmal wiederholen, die mich vollends sprachlos anschaut. Mach ich auch, äußerlich ruhig, aber innerlich am Kochen.

Und geh zum Auto, setz mich rein und dreh mir zitternd erstmal eine Zigarette. So wütend war ich schon lange nicht mehr.

Es ist unmöglich, den originalen Wortlaut hier wiederzugeben, bringt auch nichts, es war diese Situation, die einfach unerträglich für mich war. Sich derart über eins der schwächsten Glieder in der Kette zu erheben und es verbal dermassen niederzumachen … „mein Freund“ ist dement, aber er spürt das alles. Wenn ich solche spitzen Bemerkungen hören kann, wenn ich bei ihm hocke, hört er sie auch. Wenn er daraus macht, andere „Damen“ des Hauses „Lästermäuler“ zu schimpfen, kann ich eigentlich nur nicken und sagen: „Recht hast Du!“

GOSH, aber lustig ist was anners. Am Ende konnte ich mich noch mit Elisabeth besprechen, irgendwie war mir nur noch schlecht. Bloß der Nicht-Witz: Ich bin die, die wieder nach Hause fährt, die andern müssen ja bleiben… Fuck! Ach Jesus, schenk mir Deine Latschen und bring mir bei, wie man darin läuft …………………………………………………… Sad






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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Mi 04 Jul 2018, 17:44    © gisela
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liebe Aggi
die menschen sind verschieden. der eine tratscht,der andere nicht, der eine tratscht
bösartig, der andere vielleicht eher  mit feingeist.
in einer Einrichtung,in der viele verschiedene menschen zusammen leben (müssen), wird
es solche Situationen immer wieder geben.
da ist sich nicht jeder sympathisch. menschen die viele fehler bei anderen sehen mögen
sich meist selbst nicht besonders, hardern mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten,krankheiten und
Defiziten, versuchen dann aber, indem sie die vermeintlich NOCH schlechteren dinge bei anderen sehen
ihr eigenes ich besser zu machen.
menschen die tratschen suchen Aufmerksamkeit.
und............das mein ich jetzt absolut nicht böse..................du bist ein gutes opfer.
machst und tust, hörst dir alle klagen geduldig an, leidest mit.
Zitat :
als sie auf „meinen Freund“ zu sprechen kommt. Und kein gutes Haar an ihm lässt. Den blinden R. hätte er schon zweimal geschlagen, bloss weil der eine Glatze hat und ihr würde er immer unterstellen, sie sei eine Diebin, die alles stiebitzt. Da würde sich doch sein wahres Wesen zeigen, sein böser Charakter.
ich denke ich hätte darauf geantwortet.........."also ich mag ihn".
damit wäre für mich die Sache erledigt gewesen.

bei mir auf Station wird auch unter den Bewohnern gestritten und gelästert. und solang es nicht
in körperlichkeiten ausartet lassen wir die Bewohner auch, eben weil es das leben ist.
wir agieren bei Lästereien deeskalierend, machen aber auch deutlich dass wir uns nicht auf die
eine oder die andere seite stellen, sondern eben jeden so nehmen, wie er ist.






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Der beste Weg, einen Freund zu haben, ist der, selbst einer zu sein.


Ralph Waldo Emerson, US-amerik. Philosoph, 1803 – 1882
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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Mi 04 Jul 2018, 19:30    © Belle
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Liebe Aggi,

wenn du das so erzählst, stelle ich fest im Heim deiner Mutti gehts zu wie im richtigen Leben, mit allen Schönheiten und Grauslichkeiten. Sei froh, dass der Mikrokosmos deiner lieben Mutti ein friedvoller ist. Ich hasse auch nichts so sehr wie boshafte Tratschereien, da gehe ich an die Decke. Ich kann dich total gut verstehen.   wut
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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Do 05 Jul 2018, 08:03    © felixx
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Liebe Aggi,

auch ich habe schon feststellen müssen, dass es im Heim eine "Hackordnung" gibt, besonders unter den nicht dementen Bewohnern.
Kleine Eifersüchteleien, Machtspielchen, Lästereien und vor allem Grüppchenbildung.
Irgendwie bin ich da richtig froh, dass Mutti da außen vor ist.
Und von dem naiven Gedanken: alt =lieb haben wir uns doch schon längst verabschiedet!
Freut mich, das ihr die Sorgen um das Haus als los habt. Manchmal muss man ja auch Glück haben. flower

Liebe Grüße

Felixx






Nur weil es gerade schwer ist, darfst du nicht gleich aufgeben.
Es wird nicht einfacher, wenn du davor wegläufst.
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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Do 05 Jul 2018, 14:41    © Aggi
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Liebe Gisela,

well spoken! Ich unterschreibe jedes Wort und wünsche mir mal wieder, könntest Du doch 130 Jahre alt werden
und bittebitte MICH pflegen, wenn ich mal so weit bin ... dann könnte nix schief gehen! Wink

gisela schrieb:
und............das mein ich jetzt absolut nicht böse..................du bist ein gutes opfer.

Jau! Treffer versenkt. Bin mir dessen auch bewusst. achselzucken

Interessant gestern war mehr, dass mein Mann noch feststellte, als ich ihm später davon erzählte, ich würde
mal wieder lispeln ... hat er mal rausgefunden, mir ist das gar nicht bewusst. Scheinbar mache ich das
immer, wenn ich zutiefst aufgewühlt bin - und jau, das war ich gestern. So viel Hass in einem Menschen, das
war ein echter Fall von Kräsch-Buum-Bäng. Aber längst nicht mein erster und garantiert nicht mein letzter.  Wink


Und liebe Belle,

Belle schrieb:
Sei froh, dass der Mikrokosmos deiner lieben Mutti ein friedvoller ist.

Amen! - Sie hat dergl Jahrzehnte lang erlebt, irgendwann ist gut! Aber mit ihr über dergl reden geht immer
noch. Verrückt, wie klar sie wird, wenn ich mal was Ernstes erzähle. Und dann auch sehr scharfsinnig!


Und liebe Felixx,

felixx schrieb:
auch ich habe schon feststellen müssen, dass es im Heim eine "Hackordnung" gibt, besonders unter den nicht dementen Bewohnern.

Hackordnung, ja. Alles Mögliche an Tratsch und normales Ablästern auch. Aber das Gestern ging die eine Spur zu weit.


felixx schrieb:
Und von dem naiven Gedanken: alt =lieb haben wir uns doch schon längst verabschiedet!

Tjä nu, was mir trotzdem wohl bis an mein Lebensende immer wieder gelingen wird: Den Falschen zu vertrauen!
Weil ich irgendwie erst immer das Gute im Menschen sehe - und irgendwas Gutes gibt es immer... Embarassed


Ach ihr, tut schon gut, so ein Feedback,
gebt mir noch 50 Jahre und ich werd
sogar noch erwachsen! Laughing

LG,
Aggi

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

20180705 Donnerstagmorgen:

Um zwanzig nach elf bin ich heute wieder zuhause, war noch im Heimatort. Geht mal wieder Schlag auf Schlag. Zuhause erzählt mir mein Mann, er musste die Geschirrspülmaschine noch mal laufen lassen: „Da hat doch einer vergessen, den Deckel wieder aufs Salzfach zu schrauben…“ ^^ - Oh manno, ich schmeiss mich auf die Knie und mach den ganz tiefen Diener … gestern war Scheiße und irgendwie noch nicht zu Ende …

Heut früh zehn vor acht am Heim ist aber die Welt noch in Ordnung. Bei Mutti steckt noch der Tablettenbecher mit ihrer Magentablette im Fach, also war die Wäsche noch nicht da. Ich nehme schon mal die Tablette mit rein und grüße Mutti schon beim Betreten mit Namen – der Raum ist noch dunkel, damit sie weiß, wer da kommt. Erstmal die Jalousien hoch und Mutti lieb begrüßen. Da sie zum Aufwachen immer schon gerne getrunken hat – Zitat Mutti: „Spätestens zum Zähneputzen ein oder zwei Becher Leitungswasser!“ biete ich ihr auch gleich die Magentablette an und den Becher mit Wasser. Viel trinken tut sie ja nicht, aber jeder Schluck zählt!

Dann kommt auch schon Sr. Li. und ich erbitte von Mutti ihre Zähne, scherzend: „Mutti, ich muss doch auch das Gefühl haben, nützlich zu sein.“ Mutti gibt mir grinsend ihr Gebiss und Sr. Li. und ich wechseln uns im Bad ab. Sie übernimmt am Bett und ich putze Muttis Zähne.

Am Bett zurück helfe ich dann mit kleinen Handreichungen und erzähle meine neusten „Bau“-Geschichten, wie mein Mann und ich gestern abend noch ums Haus „lustwandelt“ sind. „Naja, Mutti, eigentlich eher, weil wir ja immer noch nicht durch über die Terrasse rauskommen, auf der Seite ist noch alles dicht.“ So vergeht für Mutti die Wäsche wie im Flug und Sr. Li. zieht weiter. Als ich noch auf der linken Bettseite stehe und noch mit Mutti klöne, ertönt auf einmal Elisabeths Stimme – tse, hat die sich mal angeschlichen! Mutti lacht, besonders über Elisabeths Vorschlag, heute mal im Bikini im Garten zu liegen! Elisabeth ist herrlich gutgelaunt und das färbt auch schön auf Mutti ab.

Und ja, ich kann Elisabeth heute nochmal Kirschen und Weintrauben holen. Elisabeth beschreibt uns so süß, wie sie gestern „meinen Freund“ mit einer ihrer Obstspenden beglückt hat, ich sehe ihn förmlich strahlen und auch Mutti ist von sowas sehr angetan!

Im Gehen flüstert mir Elisabeth noch zu, dass Irmgard gestern Abend wohl nur noch am Jammern und Wehklagen war (weil ich ihr die Freundschaft gekündigt hab). Elisabeth verdreht dabei die Augen und ich zucke die Achseln. Vor Mutti vertiefen wir das nicht weiter.

Erstmal Muttis Frühstück holen – hatte Elisabeth mir noch „befohlen“. *gg* Ich tu vor Mutti so, als hätte ich Angst vor Elisabeth und nehme Elisabeth dann in den Arm, eine Runde kuscheln. Mutti lacht von einem Ohr zum andern.

Auf Muttis Tablett ist heute neben Marmeladen- und Käsebrot auch wieder eine Quarkschale mit dabei. Während ich Mutti von unserem Vermieter vorschwärme, den wir jetzt in dieser Bauphase als echten Fuchs und Auskenner NOCH mehr zu schätzen lernen, schafft Mutti heute aber nicht das ganze Brot. Aber immerhin noch drei Teelöffel von dem Quark. Sie guckt sogar traurig, also sag ich, geht doch gar nicht mehr bei der Hitze, da lächelt sie wieder! „Oh ja, viel zu warm.“

Kurz vor neun dann noch kurz ins Dorf, Obst für Elisabeth holen, wo ich dann auf dem Rückweg Elisabeth und Irmgard am Haupteingang sehe. Ich sag wie immer fröhlich „Hallo miteinander!“ und gehe direkt weiter, weil Elisabeth mir ein Zeichen mit den Augen gibt, bleib nicht stehen, ich folge Dir.

Also weiter in Elisabeths Zimmer, Elisabeth ist mir auf den Fersen. Ich erklär grad, wie schwer es z.Z. ist, gute Kirschen zu finden, die noch bezahlbar sind, da zieht Elisabeth mit einem traurigen Gesicht den Brief, den ich Irmgard am 13ten Mai zum Muttertag geschenkt hatte, aus ihrer Handtasche. Gibt ihn mir und schimpft: „Den hätte sie Dir ruhig selber geben können!“ Gefällt ihr gar nicht, so ein Bote sein zu müssen. Ich zuck mit den Achseln: „Ach, Elisabeth, sie hätte den Brief auch einfach zerreissen können. So ist es ja gleich eine Ansage.“ Irmgard hätte noch dazu gesagt, mit so einer Person wolle sie nichts zu tun haben. Da muss ich dann doch lachen. „Ach schön, endlich gehör ich auch zu den Bösen!“ Und nein, das kratzt mich nicht, weil jetzt wird es kindisch. Elisabeth erklär ich nochmal, dass ich gestern sehr sehr getroffen war, weil ich auf die Barrikaden gehe, wenn die Schwächsten der Schwachen zu Unrecht angegangen werden. Sonst wäre ich eigentlich eher zu gutmütig. Aber es gibt eine Grenze. Und: „Ich kann nicht mit jedem befreundet sein. Aber zu jedem höflich und respektvoll.“ Da nickt Elisabeth. Sie sieht es genauso.

Und mir ist der Unterschied bewusst, das ich ja dies Haus wieder verlasse, Elisabeth ja aber bleiben muss…

Auch mit Mutti hatte ich mich kurz drüber unterhalten. Hab Mutti erzählt, dass ich früher immer geglaubt hab, je älter man wird, desto weiser wird man auch. Ihr hättet Muttis Mimik sehen müssen – dieser leicht amüsierte Gesichtsausdruck. Fehlte nur noch: „Och, Kind, sei nicht naiv.“ ^^

Jo, auch Alter schützt vor Torheit nicht, da hat auch Mutti mir zugestimmt. Wieder eine Traumblase geplatzt … man man man, es ist hart, erwachsen zu werden!  Wink (Mutti kicherte, als ich das sagte, weil ich sonst ja immer betone, wie schrecklich schrecklich alt ich schon bin... ^^).

Von Elisabeth nochmal zu Mutti und nochmal schön geklönt. Und dann überwinde ich mich und fahre wirklich noch in den Heimatort. Hab schon hin und her überlegt, ob ich meinen beginnenden Kopfschmerzen stattgebe oder doch hinfahre, um nochmal Strom/Gas/Wasser abzulesen.

Jo, und vor Ort bin ich knapp einen Monat nach meinem letzten „Besuch“ am Haus (zuletzt am 11. Juno dort Zählerstände abgelesen) begeistert, wie die Natur sich zurückholt, was der Mensch vernachlässigt. Auf dem alten Büroparkplatz spriesst das Unkraut inzwischen Meterhoch, das ganze hat inzwischen längst was von Dornröschenschloss… Aber nach den Zählerständen wollte ich dann auch noch den Nachbarn Bescheid sagen, dass wohl ab nächstem Monat die Handwerker kommen, also Augen zu und rein ins Haus.

Nach der ersten liebevollen Umarmung einer Spinnwebe durch das Doppelhaus in den ehemaligen Bürotrakt, wo im unteren Flur wohl ein doofer Makler die Flurlampe brennen liess, tse… Strom ablesen, das sind da zwei Zähler. Wie im ganzen Haus noch alle Räume kontrollieren (ob noch wo wer Licht oder Fenster offen gelassen hat) und weiter zum Keller, wo ich dort vor der Kellertür erst sehe, die Büroeingangstür ist eingetreten …

… juchu …  Crying or Very sad

Und der Schlüssel, der von innen steckte, ist futsch, die Tür offen.

… tolle Wurst, das brauch ich ja wie Fußpilz …  No

Handyfotos, die nur schwer möglich sind, weil von aussen schon seit Jahren alles zuwächst. Dann in den Keller, wo auch Licht brennt (doofe Makler, also nee, nee, nee…), Wasser ablesen. Wieder nach oben und behelfsmässig mit Holzplatten und was noch an Sperrmüll da ist die Bürotür von innen abgedeckt und verbarrikadiert. Die beiden Innentüren von innen abgeschlossen, so kann keiner weiter ins Haus – ausser mit Gewalt.

Und wieder retour in den Garten, Gas ablesen. Immerhin unterwegs keine Leichen, Wegelagerer oder sonstigen Sondermüll gefunden. Aber so was nagt.

Versicherungen gibt es keine mehr. Aufgelöst wegen Zahlungsunfähigkeit. Ein Scheiß!

Rüber zu den Nachbarn, wo ich erstmal eine Umarmung kriege!!! Und vom „Horrorhaus“ erzählen kann. Die erwähnen dann, dass sie Ende Juno selber die Polizei rufen mussten, weil bei ihnen versucht hatte, wer wie ein Vandale über den Zaun zu steigen und Sachen kaputt geschlagen hat. War natürlich niemand festzustellen. Das bei uns haben sie nicht bemerkt. Die Büroseite ist zu weit weg. Sie merken nur desöfteren, das die Garagentür zu deren Seite hin immer mal offen steht, dann machen sie sie wieder zu. Drinn ist ja eh nichts mehr.

Auf alle Fälle schön, dort zu sitzen und sich „ausquatschen“ zu können. Zufällig kommt noch eine liebe Ex-Nachbarin aus Kindheitstagen vorbei und ich bekomme noch eine Umarmung. Unbezahlbar!

Und als ich dann zwanzig nach elf wieder hier zuhause bin, gleich die Betreuerin angerufen, die aber (wie gewöhnlich) noch im Außendienst ist. Alles der Sekretärin ausgerichtet, die Betreuerin wird zurückrufen. Ich hab keine Ahnung, was ich da überhaupt noch tun kann. Wozu jetzt noch die Polizei rufen? Es steht kein Datum dabei und auch keine Visitenkarte … ach menno, und eine Geschirrspülmaschine kann ich nach 2 Jahren händisch abwaschen scheints auch nicht mehr bedienen, ein trauriger Tag nach einem beschissenen … naja, irgendwie ist ja doch ein Aufwärtstrend zu erkennen. Vielleicht wird’s Morgen dann ein langweiliger Tag und so wird es jeden Tag besser. Scheint ja auch nicht jeden Tag die Sonne. Regen gehört einfach auch dazu.






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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Do 05 Jul 2018, 17:58    © gisela
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Zitat :
und wünsche mir mal wieder, könntest Du doch 130 Jahre alt werden
und bittebitte MICH pflegen, wenn ich mal so weit bin

lachenlachen.......ich hab grad so ein kopfkino.........wie ich mit
tatterigen fingern versuch dir ne spritze zu setzen  lachen lachen






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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Do 05 Jul 2018, 19:02    © kamia
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lachen  spritze  lachen

du denkst da wohl in Richtung 'ruhig stellen ' lachen oh Giesela, ich wollte doch auch zu dir....nu überleg ich mir das noch mal unschuldig







Liebe Grüße
Karin




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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Do 05 Jul 2018, 20:25    © Ann
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Zitat :
Vielleicht wird’s Morgen dann ein langweiliger Tag und so wird es jeden Tag besser. Scheint ja auch nicht jeden Tag die Sonne. Regen gehört einfach auch dazu.

sunny sunny  die sind für deinen morgigen Tag, liebe Aggi! scharmant-zwinkernd


Zitat :
spritze 

du denkst da wohl in Richtung 'ruhig stellen ' oh Giesela, ich wollte doch auch zu dir....nu überleg ich mir das noch mal

lachen






Liebe Grüße
 
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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Fr 06 Jul 2018, 01:01    © gisela
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Zitat :
du denkst da wohl in Richtung 'ruhig stellen '

ach, das hab ich euch gar nicht erzählt?............ Shocked Shocked .
natürlich..................ich komme abends zum dienst und noch
bevor ich den ömchen guten abend sage gibt's erstmal spritzen,
damit sie alle schön schlafen............wie könnt ich sonst im nachtdienst
im Forum schreiben? lachen lachen lachen






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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Fr 06 Jul 2018, 08:20    © Ann
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lachen






Liebe Grüße
 
Ann 


                                      Leben heißt nicht zu warten, dass der Sturm vorüber zieht, sondern zu lernen im Regen zu tanzen.   
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Aggi
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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Fr 06 Jul 2018, 15:54    © Aggi
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gisela schrieb:
.................ich komme abends zum dienst und noch
bevor ich den ömchen guten abend sage gibt's erstmal spritzen,
damit sie alle schön schlafen............

nickend ... Genau! ... winke-winke ... Darum will ich ja DICH und keine andere!



scharmant-zwinkernd


lachen lachen lachen happy  lachen  lachen  lachen

(Karin, wir können uns Gisela dann auch teilen, mit dem Tatter schafft sie dann zwei-in-eins! lachen )


Ihr seid herrlich!  winke
Danke fürs zum Lachen bringen!
LG,
Aggi

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

20180706 Freitagmorgen:

Zehn vor acht im Heim ist bei Mutti die Wäsche schon durch und vor Mutti steht schon der Tablettwagen mit ihrem Frühstück. Na kiek!

Mutti dreht sich aber erstmal zu mir, streckt ihre Hand nach mir aus – wir lassen uns unsere Begrüßungsrituale ja nicht nehmen: Erstmal klönen! ^^

Sie fragt, wie es mir geht und mir geht es natürlich gut. Dann frag ich, wie es ihr geht und sie meint so zögerlich: „Oooooch, geht schon.“, dass ich nachfrag, ob was ist. Nein, alles in Ordnung, wenn es noch besser wäre, müsse sie Luftsprünge machen. Mein ich: „Also Bäume ausreissen lieber nicht, aber Grashalme geht?!“ Mutti lacht und nickt, also ist alles in Ordnung.

Die ganze Zeit lässt sie meine Hand nicht los, also lass ich mich auch nicht vom Frühstückstisch irritieren. Weiter klönen. Unser Vermieter hat gestern noch so schön erzählt, das ist wieder eine gute Geschichte für Mutti, die ihr gefällt!

Dann so langsam und gemütlich dann doch mal die Überleitung Richtung Frühstück ist auch in Ordnung, erstmal das Kopfteil noch ein Stück höher fahren und den Tisch näher an Mutti ran, wo ich dann sehe, die Tabletten aus dem Becher sind schon weg. Was `ne Pflichterfüllung. Hauptsache, die Medizin ist gegeben, das der Kaffee immer noch zu heiß ist, ist egal…

Während Mutti dann mit dem Brot anfängt, richte ich die lieben Grüße und Geschichten der Nachbarn aus dem Heimatort aus. Das freut Mutti. Erzähle ansonsten nur, dass ich halt da war, um noch einmal Strom/Gas/Wasser abzulesen, weil das Haus ja hoffentlich diesen Monat verkauft wird. Daran erinnert sich Mutti. Das mit der eingeschlagenen Tür erwähne ich gar nicht.

Von den Nachbarn erzählen, in Erinnerungen mit vielen Namen schwelgen. Das füllt die ganze Frühstückszeit, zumal mittendrin auch einmal meine gute Seele Elisabeth zu Besuch kommt. Da strahlt Mutti auch und erlaubt Elisabeth, mich einmal kurz zu entführen. Angeblich, weil ich noch Haue kriegen soll – Mutti lacht so, dass ihr oberes Gebiss nach unten fällt, ich freu mich so für sie! Und Elisabeth braucht meine Hilfe, weil ihr wer einen Radio-CD-Spieler vorbeigebracht hab, den ich mitnehmen und entsorgen soll. „Pack den aber bitte in eine Tasche. Muss ja nicht das ganze Haus sehen, was Du hier raus schleppst. Du weisst doch, wie hier geredet wird.“ *gg* Kein Thema, Elisabeths Wunsch ist mir Befehl, notfalls geht der Player weiter an unsern Nachbarn, der Elektroschrott sammelt oder wird ein Ersatzrekorder für meinen Mann, der in der staubigen Garage gerne mal Radio beim Schrauben hört. Bloss das die Teile dort grad im kalten und feuchten Winter irgendwie immer krank werden…

Nach der Stunde mit Mutti bleib ich beim Gehen noch kurz bei „meinem Freund“ stehen. Einmal in die Hocke und die Hand geben. Er strahlt mich immer so an … „Oh, Sie gehen sogar vor mir in die Knie!“ – „Das gehört sich ja auch so.“ Und dann fragt er mich, wie es mir geht und ich, wie es ihm geht: „Bei dem Wetter nicht so gut.“ (es nieselt etwas). Und dann wünscht er mir strahlend alles Gute und ich ihm auch. Wie soll ich das beschreiben? Wenn dieser Augenblick ihm nur halb soviel gibt wie mir, ist das doch schon was Gutes, denn ich gehe immer lächelnd weiter. Grüße noch die anderen einen Tisch weiter und freue mich, dass die mir auch einen guten Tag wünschen. Und wieder nach Hause.

Dort blinkt schon das Telefon, die Betreuerin hatte schon angerufen. Ein Rückruf, sie ist schon wieder unterwegs, ruft aber zurück und das tut sie dann auch. Wegen der eingetretenen Haustür hat sie schon der Bank Bescheid gesagt. Die kümmern sich jetzt. WIR haben kein Geld und keine Versicherung mehr. Damit hätte ich meine Schuldigkeit erfüllt und ansonsten ist ja auch die Bank daran interessiert, dass der Hausverkauf über die Bühne geht. – Na uff ersma!

Richtig durchschnaufen werde ich erst, wenn es dingfest ist mit dem Hausverkauf, ich hab ja schon Pferde kotzen sehn…






Manches ist einfach zu wahr um schön zu sein.
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Belle
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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Fr 06 Jul 2018, 20:18    © Belle
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Aggi schrieb:

 Die kümmern sich jetzt.

Diese wenigen Worte sind sooooo unglaublich wertvoll und erleichternd!!!! Und in sehr vielen Bereichen eine Erlösung.
Gottseidank bist du diese Sorge los.

Einen schönen Abend noch du liebe winke-winke
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Belle
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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Sa 07 Jul 2018, 04:31    © Belle
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Meine liebe Aggi!!!

Wir kennen uns zwar nicht persönlich, dennoch bist du mir in der kurzen Zeit hier im Forum schon soooo vertraut geworden. Jeden Tag lese ich deine Beiträge und ich möchte mich nun einmal für die stets aufmunternten Worte die du für alle Lebenslagen bereit hast, bei dir bedanken.

HEUTE aber, soll ganz und gar DEIN Tag sein. Wenn ich mich nicht verschaut habe, feierst du heute deinen Geburtstag!!! Dazu wünsche ich dir nicht nur alles Gute, sondern mögen viele liebe Menschen heute deinen Weg kreuzen und dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Verbringe einen superschönen Tag, ich wünsche es dir von Hezen!! 

Fühl dich geherzt, gedrückt, geknuddelt und gefeiert!!
Ein Busserl aus Wien kommt auch angeflogen!
Alles Gute für Dich, liebe Aggi!!! Tante Auguri e buon Compleanno per te!!
Deine Belle umarmung
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Aggi
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BeitragThema: Re: Ich entscheide, nicht das Heim
Sa 07 Jul 2018, 14:34    © Aggi
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Liebe Belle,

Belle schrieb:
Aggi schrieb:

Die kümmern sich jetzt.

Diese wenigen Worte sind sooooo unglaublich wertvoll und erleichternd!!!!

Amen! schweissabwisch

Belle schrieb:
Tante Auguri e buon Compleanno per te!!

Mille Grazie! rose

So lieb von Dir!

Hoffentlich war Dein Tag heut besser.

LG,
Aggi

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20180707 Samstagmorgen:

Mutti und ich haben ja jedes Jahr gemeinsam, dass wir am selben Wochentag Geburtstag haben. Heute ist meiner und obwohl ich nicht der Typ bin, der sowas feiert, freu ich mich wie Hulle, dass gestern noch mein Kl.Bruder anrief, ob ich ihn heute früh mitnehmen könne, er „hätte noch was für Mutti“ …  Cool

Und kiek, zum ersten Mal verspäte ich mich: „Man man man, seit ich 54 bin, bin ich nicht mehr pünktlich.“  Embarassed – Aber nix, mein Bruder umarmt mich nur, no Gratulation.  Cool

Wir klönen wie immer schön auf der Fahrt und dann zu Mutti. Wie meist gehe ich vor, Kl.Bruder wartet mit Absicht einen Moment ab und ich grüße Mutti erstmal herzlich und sag dann, ich sei heut Morgen aber nicht allein. Als sie Kl.Bruder dann ans Bett treten sieht, muss sie sogar erst grübeln, aber er kündigt sich ja auch längst immer mit Namen an und die Freude ist groß!  Very Happy

Ich tüdel noch mit Sachen rum, die in den Schrank kommen, während Kl.Bruder bei Mutti am Bett sitzt und die neusten Neuigkeiten erzählt. Dann setze ich mich zu Mutti aufs Bett und da holt Kl.Bruder dann seine Tüte hervor und bereitet Mutti so angenehm vor. Leitet über das Tagesdatum (7ter 7ter) über auf mich und ganz dezent, ohne dass Mutti gleich traurig ist, dass sie es vergessen hat, gleich mit dem Zusatz, er hätte sich um alles gekümmert und für sie „mitbesorgt“ … so schön und einfühlsam, dass Mutti nur noch so lacht und nicht traurig ist, dass sie meinen Geburtstag nicht im Kopf hatte.  I love you  I love you

Und Kl.Bruder hat die Geburtstagskarte und das Geschenk perfekt vorbereitet – so ist er einfach, Mutti steht überall mit drauf und alles so groß geschrieben, dass sie es auch sehen kann und die beiden freuen sich total, wie ich anfange zu quietschen und rot-werde und eine Gänsehaut bekomme und es fehlt nicht viel und ich fang sogar an zu Sabbern vor Glück! Zwischendurch bekommt Mutti Küsschen und Umarmungen von mir, die Karten lese ich ihr vor und zeige sie ihr, alles so nacheinander und meine eigene Freude ist ja nicht gespielt! Eigentlich fehlt nur noch, dass ich weine, heiß genug ist mir schon vor Glück geworden. Einfach nur schön! Kl.Bruder ist glücklich! Mutti ist glücklich und das Aggi platzt gleich vor Freude! (Mir zittern wirklich zeitweise die Finger und auf dem Rückweg erzählt mir Kl.Bruder, als ich davon erzähle, Ja!, auch heute bei ihm und Mutti hab ich gelispelt … als war ich wohl tief bewegt, ohne Show!!!).

Dann auch das Frühstück für Mutti holen, Kl.Bruder geht zwischendurch einmal eine Rauchen und trifft dort meine gute Seele Elisabeth. Mir ist schon klar, dass er ihr von meinem Geburtstag erzählt, aber das ist o.k. Ich würds halt nicht selber tun, aber er darf das.

Zwischendurch kommt La. zum Saubermachen und wird auch von Kl.Bruder ganz lieb begrüßt, der dann nochmal so tut, als müsse er nochmal eine Rauchen gehen. Draußen hör ich, wie er La. steckt, dass ich heute Geburtstag habe und so bekomme ich von unserer strahlenden La. eine liebe, feste Umarmung. Und das bedeutet mir richtig was – La. gehört doch zur Familie!  I love you

Und Mutti freut sich mit. Wir erzählen Kl.Bruder, als La. gegangen ist, wie sie sogar mal gefragt hat, warum Mutti keine Fotowand von ihren Kindern und Enkelkindern hat und wie cool Mutti reagiert hat. Da nickt Mutti sofort. „Oh ja!“ Sie lächelt. Das hat sie nicht vergessen. La. darf fragen, sie nimmt eben Anteil!

Zack! Und schon ist La. wieder da mit drei Blüten aus dem Garten in der Hand – für mich! Ich grins einmal um den ganzen Kopf herum vor Freude und halte den süßen kleinen Strauß natürlich auch Mutti vor Augen. Klein aber fein – und von Herzen! Noch eine Umarmung! So schön! Und Mutti ist mit glücklich und Kl.Bruder auch!

Während wir drei dann kurz wieder unter uns sind, geht wieder die Tür auf und Elisabeth kommt dazu. Auch sie gratuliert mir strahlend, noch eine Umarmung, ich sabber wirklich gleich! ^^

Mutti lacht über Elisabeths Späße, Kl.Bruder hat sie und ihren göttlichen Humor ja auch längst zu schätzen gelernt, so vergeht die Zeit wie im Flug.

Als es dann irgendwann auch Zeit ist, zum Aufbruch zu blasen, habe ich nur noch Angst, alles auch heile mit nach Hause zu kriegen. Jo, mir können auch vor Freude die Finger zittern!

Aber ich habe Mutti noch versichert, dass ich ohne sie heute gar nicht da wäre und sie die beste Mutti auf der ganzen Welt ist – ich will keine andere! Wie sieh da gelächelt hat, das war das schönste Geschenk!  sunny

Und dann wieder zuhause bekomme ich vom besten Ehemann der Welt, der mir versprochen hatte, mir dies Jahr nichts zu schenken, den gefühlt dicksten Blumenstrauß der Welt – fast noch schöner ist sein Grinsegesicht dazu, aber das darf er behalten, ich nehm die Blumen! *gg*

Eigentlich hatte ich heute vor, die staubigen Fenster und Jalousien zu putzen, nur eben noch schnell Tagebuch schreiben … und während ich hier sitze, klingelt es an der Tür, kurz vor halb zwölf und mein Mann, der zur Tür gegangen ist, ruft: „Ist der Postbote, was Merkwürdiges für Dich. Komm mal her.“  Shocked

Die erste Blumenpost meines Lebens! Als erstes sehe ich in die Karte und fange fast an, richtig zu Weinen. Und Pralinen sind auch noch mit dabei. Ich bin so überwältigt, dass ich kurz davor bin, die Pralinen ins Wasser zu legen und die Blumen zu essen. DAMIT hab ich nicht gerechnet. Also kurz gesagt:


Karin, lieben Gruß auch von meinem Mann. Er läßt ausrichten, auch er hätte sich sehr gefreut. „Das meiner Frau mal die Tränen kommen, ohne daß ich der Grund dazu bin, das ist viel wert!“  nickend Kannste Dir was drauf einbilden, er ist nicht der Typ, der so schnell Grüße ausrichtet. Und ich bedanke mich bei Euch, wenn ich aus meiner glückseligen Ohnmacht wieder aufgewacht bin! happy


Dann brauch ich erstmal einen Kaffee und eine Kippe ... mannomannomannomann, ICH dachte, es wird ein Tag wie jeder andere! Da fällt mir wieder der Brief vom Landkreis in die Hand, den der Postbote mit den Blumen gebracht hatte. Tief durchatmen, denn Post vom Landkreis bedeutet immer Arbeit, Ärger und Angst ... pale

Aber nicht am 7ten 7ten 2018: Es ist ein weiteres Geburtstagsgeschenk und geht über 2 Seiten. Ich zitier mal nur die zwei Sätze, die in dieser Form dann auch meine vier Geschwister bekommen haben:

"Da dem Sozialhilfeträger folglich bislang keine Aufwendungen entstanden sind und zur Zeit auch nicht entstehen, ist kein Unterhalt zu fordern. Aufgrund dessen hebe ich hiermit meine Rechtswahrungsanzeige vom 30.11.2017 auf."

hops

Ich selbst hätte ja kein Problem damit gehabt, auch noch ans Sozialamt für Mutti zu bezahlen. Das tu ich doch eh schon die ganze Zeit und für mich ist das selbstverständlich. Sie war ihr Leben lang für mich da - nur recht und billig, dass ich jetzt für sie da bin.

Aber dieses Schreiben nimmt den Druck von den Panne-Geschwistern, die Mutti ja nicht mal die Butter auf dem Brot gönnen. Was ich ihnen ja schon angekündigt hatte und nun haben wir es schwarz auf weiß!

Das ich mal ein Geburtstagsgeschenk vom Sozialamt kriege ... unglaublich, aber wahr! allesgut






Manches ist einfach zu wahr um schön zu sein.
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Ich entscheide, nicht das Heim

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